Donnerstag, 7. April 2011

Kritik des Sarrazin-Buches V: Die Einteilung der Menschheit in Dumme und Intelligente

Seit etwa 200 Jahren kennen wir die konservative Klage über die Demokratie, die als Herrschaft der Mehrheit der Dummen über die Minderheit der Intelligenten unweigerlich das Ende jeder Kultur und den gnadenlosen Abstieg in die Barbarei herbeiführen wird. Doch ähnliche Klagen gab es bereits in der römischen Republik, als Patrizier vor einer Herrschaft der Plebejer warnten. Als das Römische Reich dann 400 Jahre später tatsächlich unterging, hatte das zwar viel mit „spätrömischer Dekadenz“ zu tun, doch die war nicht in der Unterschicht, bei den Sklaven, angesiedelt, sondern grassierte in der „aristokratischen“ Oberschicht; und sie war kein Effekt der Demokratie, sondern ein Effekt kaiserlicher Monarchie. Dennoch serviert uns Sarrazin in seinen langen Ausführungen über Dummheit und Intelligenz (in Kapitel 3, »Zeichen des Verfalls«, S. 90-100) wieder einmal die altkonservative Horrorgeschichte von der gar schrecklichen Herrschaft der Dummen, die uns deshalb droht, weil die Dummen häufiger vögeln und seltener verhüten als die Intelligenten. Schauen wir uns im einzelnen an, wie er das macht.

Sarrazin beginnt mit der Wiederholung einer sattsam bekannten, längst widerlegten Lügenzahl: „Selbst Kritiker der Interpretation bestreiten jedoch nicht, dass der Anteil der kinderlosen Universitätsabsolventinnen die 40-Prozent-Marke übersteigt...“ Andreas Kemper führte 2009 auf Freitag.de dazu aus:
  1. Es sind nicht 40 %, sondern nur 28 % (lt. Statistischem Bundesamt). Sarrazin nennt selbst schon im nächsten Absatz eine ganz andere Zahl: Der Bericht zum Mikrozensus 2008 kommt „zu dem Ergebnis, dass bei den 40 bis 75 Jahre alten Frauen mit hoher Bildung 26 Prozent keine Kinder hatten...“  Mit anderen Worten: Drei Viertel der Frauen mit hoher Bildung haben Kinder.
  2. Diese Zahl bezieht sich nicht auf heutige Geburtenraten, sondern auf die der 1990er Jahre, weil das die Zeit ist, in der die untersuchten Frauenjahrgänge überwiegend ihre Kinder bekommen haben (was auch Sarrazin in einem schwammigen Nebensatz andeutet).
  3. Es gibt offenbar Hinweise, dass jüngere Akademikerinnen inzwischen sogar überdurchschnittlich viele Kinder bekommen. Wenn sich das bestätigt, wäre es ein schönes Beispiel für die Dummheit von Trendfortschreibungen à la Sarrazin. Der Mississippi wird manchmal kürzer, manchmal länger; die Geburtenrate sinkt manchmal, manchmal steigt sie auch wieder. Wann und wie sich das ändern wird, weiß kein Mensch im Vorhinein.
Immer wieder hämmert Sarrazin seinen Lesern die Botschaft ein: Intelligenz (und Dummheit) seien (überwiegend) erblich bedingt:
  • „Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich.“ (S. 91) 
  • „Unter seriösen Wissenschaftlern besteht heute zudem kein Zweifel mehr, dass die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist.“ (S. 93).
  • „Gleichwohl lässt sich zeigen, dass in den Fällen, wo man den Einfluss der gemessenen Intelligenz und des sozioökonomischen Hintergrundes auf den Schulerfolg bzw. auf den späteren akademischen Erfolg untersucht, der Einfluss der gemessenen Intelligenz weitaus überwiegt.“ (S. 97)
Sarrazin spielt hier mit einem Alles-oder-nichts-Schwellenwert: 50-80 %? Die Leser sollen im Kopf behalten: 1. Intelligenz ist überwiegend angeboren. 2. Intelligenz ist also angeboren. An der dritten Stelle macht Sarrazin vor, wie man das lesen soll. Hier tut er nämlich so, als sei die gemessene Intelligenz zu 100 % erblich bedingt. Nur so macht die Gegenüberstellung ihres Einflusses mit dem des sozioökonomischen Hintergrundes Sinn. 
Ein kapitaler Denkfehler des geborenen Intelligenzbolzens Sarrazin! Denn schon auf S. 98 lesen wir etwas anderes: „Der aktuelle Forschungsstand ist also der, dass jene, die die Erblichkeit von Intelligenz besonders betonen, deren Anteil mit 60 bis 80 Prozent ansetzen, während jene, die besonders auf Umwelteinflüsse abstellen, auf einen Erbanteil von 40 Prozent bis 60 Prozent kommen.“ Aha? Es kann also nach dem Stand der Forschung durchaus sein, dass die gemessene Intelligenz zu 60 %, also überwiegend erlernt wird, mithin umwelt- oder milieubedingt ist. Und schon bricht Sarrazins dräuend-schicksalhafte Untergangsprognose in sich zusammen – denn die Umwelt der Kinder können wir als Gesellschaft bewusst verändern und gestalten.
Der Effekt, den Sarrazin auf S. 97 darstellt (siehe oben, dritter Punkt), kann auch eine ganz andere Ursache haben, die Sarrazin in seiner Scheuklappen-Dichotomie – hier die Gene, da die soziale Schicht – übersehen hat: die Frage, wie Eltern emotional mit ihren Kindern umgehen. Diese Frage lässt sich aus dem reinen sozio-ökonomischen Hintergrund nicht ablesen, spiegelt sich wahrscheinlich aber wohl im gemessenen IQ und später im Schulerfolg der Kinder wieder. So kann es sein, dass der IQ besser zum Schulerfolg passt als der sozio-ökonomische Hintergrund, und dennoch sind nicht die Gene schuld, sondern eine Umweltbedingung: das Verhalten der Eltern.
Deshalb ist Sarrazins Schlussfolgerung auf Seite 98f., mit der er sich zugleich einer weiteren Debatte um Erblichkeit und Umweltbedingtheit von Intelligenz entziehen möchte, überhaupt nicht zu halten. Sarrazin schreibt: „Denn ganz gleich, wie die Intelligenz zu Stande kommt: Bei höherer relativer Fruchtbarkeit der weniger Intelligenten sinkt die durchschnittliche Intelligenz der Grundgesamtheit.“ Keineswegs, Monsieur! Das wäre nur dann so, wenn Intelligenz tatsächlich weitaus überwiegend erblich bedingt wäre, und nur dann, wenn sich die „Dummen“ tatsächlich jahrhundertelang deutlich stärker vermehren würden als die „Intelligenten“. Und beides ist, wie oben gezeigt, unwahrscheinlich. Interessant auch, wie frivol der selbst ernannte Meister der Zahlen und Fakten hier Gestaltungsspielräume der Gesellschaft mit schicksalhaften Prophezeiungen vermischt. Er will den Eindruck erwecken, dass die Dummen von Natur aus dumm sind und sich von Natur aus stärker vermehren als die Intelligenten. Also Schicksal! Wenn die Intelligenz aber von der Gesellschaft beeinflusst werden kann (was Sarrazin selber zugibt), dann kann die Gesellschaft wahrscheinlich auch das Fortpflanzungsverhalten der Intelligenten wie auch der weniger Intelligenten beeinflussen. Und zwar ohne Verhütungs- und Abtreibungsverbote und ohne Zwangssterilisationen. Das sind die Maßnahmen, die man historisch unter „Eugenik“ versteht.
Was ist überhaupt Intelligenz? Anders als bei vielen Wissenschaftlern, die diese Frage durchaus kontrovers diskutieren (siehe Wikipedia: Intelligenztheorie  und Wikipedia: Kritik am Intelligenzbegriff), ist bei Sarrazin natürlich alles klar: 
  • „Die in Intelligenztests gemessenen unterschiedlichen geistigen Fähigkeiten korrelieren positiv miteinander… Die hohe positive Korrelation deutet darauf hin, dass alle Tests dasselbe messen, nämlich eine generelle geistige Fähigkeit. Die gemessene Intelligenz korreliert positiv mit den beruflichen Leistungen und dem gesamten Lebenserfolg der Testpersonen.“ 
  • „Eine seit 1979 laufende groß angelegte Langzeitstudie … belegt ziemlich eindeutig, dass die gemessene Intelligenz und der an Bildungsabschlüssen und Einkommen gemessene Lebenserfolg hochgradig miteinander korrelieren… ein ähnlicher Zusammenhang gilt weltweit, wenn man den gemessenen Durchschnitts-IQ von Nationen und deren wirtschaftlichen Erfolg untersucht. Man mag diese Grundtatsache unterschiedlich interpretieren und mit unterschiedlichen kausalen Erklärungen belegen. Der statistische Zusammenhang als solcher ist jedoch unangreifbar.“
Wie hoch korrelieren diese Werte positiv? Das erfahren wir nicht. Sarrazins allgemeine Aussage beweist gar nichts, da kleinere positive Korrelationen auf Zufällen beruhen können oder auf Artefakten, die durch die Tests selbst erst entstehen. Andere Intelligenztheorien gehen davon aus, dass es keinen generellen Intelligenzfaktor gibt, sondern ein Bündel ganz unterschiedlicher, z. B. auch körperlicher, handwerklicher, kommunikativer oder emotionaler Intelligenzen. Einige davon gelten auch schon lange als relevant für beruflichen Erfolg, werden aber dennoch von traditionellen Intelligenztests nicht erfasst.

Der in der Langzeitstudie gemessene Zusammenhang zwischen IQ und Berufserfolg ist wahrscheinlich tautologischer Natur, weil Intelligenztests ja gerade darauf angelegt sind, Prognosen zum künftigen Bildungserfolg abzugeben. D.h., dort werden einige Fähigkeiten getestet, von denen man weiß, dass sie für Schulerfolg, Studienerfolg und Erfolge in bestimmten, meist akademischen Berufen wichtig sind. Folglich ist es kein Wunder, dass die Tests genau das auch tun. 

Ein IQ-Vergleich von Nationen ist methodisch unzulässig, weil
  • der IQ sich immer auf den Mittelwert 100 einer „Population“ bezieht (der Durchschnitts-IQ also bei jeder Nation, wenn man eine Nation als Population versteht, gleich 100 ist – Sarrazin selbst weist darauf hin),
  • die erfolgsrelevanten Kriterien in den Nationen sehr unterschiedlich sind, man also keinen einheitlichen, für alle Nationen passenden Intelligenztest entwickeln kann,
  • und es kaum möglich ist, in jeder Nation eine einigermaßen repräsentative Stichprobe zu ziehen.

Kommentare:

  1. Lesen Sie mal das Buch des von mir hochgeschätzten Autors Dieter E. Zimmer "Ist Intelligenz erblich". Aber - es ist kein Schwafelbuch. Auch ich als Mathematiker musste mir erst mal wieder die Faktoranalyse erarbeiten.
    Einige Aussagen:
    Statistik kann man nur über messbaren Phänomene treiben. Das ist hier die sogenannte Biometrische Intelligenz.
    Dass Intelligenztests alle dasselbe messen ist Quatsch. Die Fähigkeit zur Strukturerkennung, die Schnelligkeit der Informationsaufnahme, das Kurzzeitgedächtnis haben ja doch nicht so viel miteinander zu tun.
    Seriöse Beiträge auf diesem Gebiet erreicht man durch Zwillingsstudien.
    Bezüglich der biometrischen Intelligenz gibt es eine nicht wegzudiskutierende erbliche Komponente.
    Die Wikipedia ist politisch korrekt, als links/grün geprägt.

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  2. Natürlich gibt es eine erbliche Komponente, das würde ich als biologisch Gebildeter nie bestreiten. Das ergibt sich schon aus der Logik der Evolution: Die Entwicklung der menschlichen Intelligenz spielte eine wichtige Rolle bei der Evolution der Menschen, und die findet nun mal auf dem Wege der biologischen Vererbung statt. Doch bis heute streiten die Forscher, ob sie nun zu 40, 50, 60, 70 oder 80% vererbt wird - und ob es überhaupt eine generelle Intelligenz gibt. Sarrazin dagegen baut seine Argumentation, wie oben gezeigt, auf 100 % Vererbung auf. - Dass die Wikipedia links-grün geprägt sei, ist mir bislang entgangen. Die Darstellung deutscher Geschichte und Philosophie z. B. ist in der Wikipedia leider überwiegend konservativ geprägt.

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