Montag, 17. Januar 2011

Kritik des Sarrazin-Buches II: Parallelen zum Antisemitismus

Der Historiker Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, hat in einem ZEIT-Interview auf deutliche Parallelen zwischen dem Antiislamismus heutiger Prägung, namentlich dem von Thilo Sarrazin, und dem deutschen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts hingewiesen - obwohl die ZEIT-Journalisten den Vergleich problematisch fanden.

Im 19. Jahrhundert haben Leute wie Heinrich von Treitschke, Adolf Stoecker, Paul de Lagarde oder Georg von Schönerer aus dem angeblich bösen Charakter des Talmud auf den angeblich bösen Charakter der Juden geschlossen. Genau das gleiche Muster bei Sarrazin und Konsorten: Aus einer angeblich tief sitzenden kulturellen Prägung der Muslime leiten sie ihre These ab, dass Muslime in Deutschland angeblich dazu neigen, nicht arbeiten zu wollen und sich lieber auf Kosten der Mehrheit als Schmarotzer und Kleinkriminelle gemütlich einzurichten. Auch hier also wird einer ganzen Bevölkerungsgruppe ein bestimmter negativer Charakterzug zugeschrieben. -- Allerdings hat Ulrich W. Sahm in haGalil.com (10.1.2010) Benz' Vergleich mit guten Argumenten kritisiert. Der Vergleich hinkt u.a. deshalb, weil der christliche Antisemitismus viel älter ist und weil islamische Staaten heute eine erhebliche Macht darstellen, die Juden niemals auch nur entfernt besessen haben. --

Ganz typisch: Fast immer werden rassistische Hetzparolen mit dem Satz abgeschlossen: "Aber das darf man heute ja gar nicht mehr sagen." Der Satz unterstellt, als hätte die angegriffene Minderheit, obwohl sie überwiegend aus Armen bestand und besteht, die Macht, Leute zu bestrafen, die sie öffentlich kritisieren.

Schon in der Einleitung liefert Sarrazin ein Beispiel dafür, wie perfide er dabei vorgeht: Auf S. 6 schreibt er zunächst harmlos: "...schon gar nicht durfte man darüber reden, dass Menschen unterschiedlich sind..." Um dann fortzufahren: "...nämlich intellektuell mehr oder weniger begabt, fauler oder fleißiger, mehr oder weniger moralisch gefestigt". Mit anderen Worten: Menschen, die anders sind als Deutsche, sind dümmer, fauler und böser als die Deutschen. Und diese Anderen sind, wie wir auf S. 7 erfahren, Deutschlands Unglück: "Über die schiere Abnahme der Bevölkerung hinaus gefährdet vor allem die kontinuierliche Zunahme der weniger Stabilen, weniger Intelligenten und weniger Tüchtigen die Zukunft Deutschlands."

Seine Wortwahl suggeriert, als könne man den Grad dieser menschlichen Eigenschaften auf Thermometern oder Charakterometern ablesen - wobei am oberen Ende der Skalen immer die Deutschen stehen. Auch das ist eine typische Vorstellung des 19. Jahrhunderts; damals glaubten bestimmte "Wissenschaftler", solche Eigenschaften am Winkel zwischen Nasen- und Stirnschräge eines Menschen ablesen zu können (Kraniometrie). Wer sich an die Deutschen anpasst, wird so intelligent, fleißig und gut wie die Deutschen. Wer sich nicht anpasst, bleibt so dumm, faul und böse, wie Ausländer nun einmal von Hause aus sind.

Sarrazin kann Anderssein nur als Schlechtersein begreifen. Für ihn ist selbstverständlich, dass alles Deutsche (z.B. Feigheit vor Vorgesetzten, ständiges Muffeln, Rücksichtlosigkeit auf der Straße) intelligent, fleißig und gut ist, und dass alles Undeutsche (z.B. Gastfreundschaft, Freundlichkeit auf der Straße, Spaß am Tanzen) dumm, faul und böse ist.

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